Maultaschen, Fastenzeit und Klosterleben: Eine Legende mit wahrem Kern
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Die Maultasche gehört zu den schwäbischen Klassikern, die längst weit über die Region hinaus bekannt sind. Besonders in der Fastenzeit stehen die gefüllten Teigtaschen hoch im Kurs. Um ihre Entstehung rankt sich eine bekannte Legende, die ins Kloster Maulbronn führt. Auch wenn sich die Geschichte historisch nicht belegen lässt, enthält sie doch einen wahren Kern. Denn die Klöster wussten die strengen Regeln der Fastenzeit durchaus kreativ auszulegen – ohne dabei ihre Frömmigkeit aus dem Blick zu verlieren.
Die Geschichte von Mönch Jakob
Mit dem Aschermittwoch beginnt die Fastenzeit. Heute verzichten viele Menschen bis Ostern bewusst auf Alkohol, Süßigkeiten oder andere Gewohnheiten. Für die Mönche und Nonnen der mittelalterlichen Klöster in Baden-Württemberg war diese Zeit deutlich strenger geregelt. Die Tage vor Ostern waren von intensivem Fasten, Gebet und innerer Einkehr geprägt. Der Legende nach lebte im Mittelalter im Kloster Maulbronn ein Mönch namens Jakob. Eines Tages fiel ihm ein Stück Fleisch in die Hände – angeblich hatte ein flüchtender Dieb einen Sack mit Beute verloren. Fleisch war während der Fastenzeit verboten. Wegwerfen wollte Jakob es jedoch auch nicht.

Schwäbische Maultaschen
Nach einigem Grübeln soll er eine Lösung gefunden haben: Er hackte das Fleisch klein, mischte es mit Kräutern und Gemüse und versteckte alles in kleinen Taschen aus Nudelteig. So, heißt es augenzwinkernd, habe er das Fleisch vor Gott verborgen. Im Volksmund tragen Maultaschen deshalb bis heute den Beinamen „Herrgotts B’scheißerle“. So charmant die Geschichte ist – Belege dafür finden sich in den Urkunden des Klosters nicht. Zudem galt für Zisterzienser ein grundsätzliches Verbot für das Fleisch von Vierfüßlern, nicht nur in der Fastenzeit. Auch Eier, die für den Nudelteig nötig sind, waren in dieser Zeit untersagt. Die Erfindung im Kloster bleibt also Legende.
Kreativer Umgang mit Fastenregeln
Ganz erfunden wirkt die Geschichte dennoch nicht. Klöster interpretierten die Speisevorschriften mitunter großzügig. Fische galten als erlaubte Fastenspeise, man sprach gelegentlich sogar von „Flussgemüse“. Selbst der Biber wurde mancherorts zu den Wassertieren gezählt. Der Bedarf war groß, denn Fasttage gab es viele. Entsprechend wichtig war die Fischzucht. Nicht nur in Maulbronn, sondern auch im Kloster Salem am Bodensee betrieben die Zisterzienser ausgedehnte Teichanlagen. Die klösterliche Wirtschaft war gut organisiert und sicherte die Versorgung der Gemeinschaft.
Frömmigkeit und Kunst im Klosteralltag
Trotz aller praktischen Lösungen war das Leben in den Klöstern vor allem von Gebet und Andacht bestimmt. Das zeigt sich eindrucksvoll in der Klosterkirche von Maulbronn mit ihrem monumentalen Kruzifix. Auch im Schwarzwald beeindruckt das Kloster Alpirsbach mit seinem Marienaltar. Im geschlossenen Zustand zeigen die Flügel Szenen der Passionszeit wie die Geißelung und die Dornenkrönung Christi – Bilder, die besonders in der Fastenzeit zur Meditation anregten. Ein weiteres bewegendes Beispiel findet sich im Kloster Heiligkreuztal, dem am besten erhaltenen Zisterzienserinnenkloster in Oberschwaben. Berühmt ist dort die Christus-Johannes-Gruppe aus Nussbaumholz aus dem frühen 14. Jahrhundert. Die Figurengruppe zeigt Johannes, der sich beim letzten Abendmahl an die Brust Jesu lehnt. Solche Darstellungen, sogenannte Johannesminnen, waren in Frauenklöstern besonders beliebt. Sie sollten Nähe, Vertrauen und geistige Verbundenheit vermitteln und die Nonnen zur inneren Betrachtung anregen.
Eine Legende, die verbindet
Ob die Maultasche nun tatsächlich in einem Kloster erfunden wurde oder nicht – die Geschichte verbindet bis heute kulinarische Tradition mit klösterlicher Kultur. Sie erzählt von Einfallsreichtum in entbehrungsreichen Zeiten, aber auch von einer Welt, in der Gebet, Arbeit und Gemeinschaft den Alltag bestimmten. Wer die historischen Orte besucht, kann dieser besonderen Verbindung von Fastenzeit, Kunst und klösterlichem Leben noch immer nachspüren – zwischen Kreuzgang, Fischteichen und Kirchenraum.
Mehr:
Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg
www.schloesser-und-gaerten.de

