„Made in Möhringen“: Letzter generalsanierter Stadtbahnwagen der SSB verlässt die Werkstatt

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„Made in Möhringen“: Letzter generalsanierter Stadtbahnwagen der SSB verlässt die Werkstatt

Neun Jahre lang haben sich die Mitarbeiter der Hauptwerkstatt der SSB mit Herzblut um eine Sonder-Herkulesaufgabe gekümmert: 76 Stadtbahnwagen, Mitte/Ende der 1980er Jahre erbaut, wurden in den Möhringer Hallen grundlegend fit gemacht für die nächsten zwei Jahrzehnte. Fast wie am Fließband, mit ausgeklügelter Logistik, lief diese Aktion ab. Jetzt ist sie zum Abschluss gekommen: Auch der letzte Wagen des durchgeschleusten Bestandes erstrahlt wieder wie neu.

Sie kennen sie wirklich bis zur letzten Schraube, nämlich die Mitarbeiter der Hauptwerkstatt Möhringen der Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB) ihre Stadtbahnwagen. Kein Wunder, denn seit 2008 haben sie über sechs Dutzend der markanten gelben Doppeltriebwagen, die seit 1985 zum Stuttgarter Stadtbild gehören, buchstäblich in der Hand gehabt, nämlich in allen kleinsten Einzelteilen. Bis zu zwölf der 56 Tonnen schweren Fahrzeuge haben seither pro Jahr die Generalsanierung in den Möhringer Werkhallen durchlaufen und sind damit wieder fit gemacht worden für planmäßig nochmals zwei Jahrzehnte des harten Einsatzes auf den anspruchsvollen Berg-und-Tal-Steilstrecken im Netz der Landeshauptstadt.

Der Grund für die Auffrischungsaktion war und ist einfach: Die grundlegende Aufarbeitung der bis zu über 30 Jahre alten Wagen ist billiger als der Kauf neuer Fahrzeuge – der inzwischen gleichwohl ebenfalls stattfindet, weil es mehr Wagen braucht als bisher. Doch Konstruktion und Substanz der bewährten bisherigen Betriebsmittel sind so robust, dass sich die Investition in die Generalsanierung lohnt. Etwa vier Millionen Euro muss die SSB aktuell für einen neuen Triebzug aufwenden, während ein saniertes Exemplar die SSB rund 1,3 Millionen kostet.

Die Bilder von 2011 zeigen exemplarisch die gleichen Arbeiten, wie sie auch am jetzt fertiggestellten Wagen (und allen anderen) abliefen. Fotos © Stuttgarter Straßenbahnen AG

Alltäglich ist die „Hauptwerkstatt als Produktionsbetrieb“ nicht, wie Thomas Moser erläutert, Chef über die Schienenfahrzeuge bei der SSB. Es ist zwar üblich und Vorschrift, dass je nach Laufleistung und Zeitfrist der bestehende Wagenpark eine Hauptuntersuchung durchläuft, bei der alle Baugruppen gründlich durchgesehen und aufgearbeitet werden. Aber dass alle Bauteile so grundlegend in die Hand genommen und zahlreiche technische Elemente gegen Neuteile getauscht werden, wie jetzt bei der Generalsanierung in Stuttgart, hier hat die SSB unter den öffentlichen Verkehrsbetrieben seinerzeit praktisch Neuland betreten. Der große Vorteil: Die Mitarbeiter kennen „ihre“ Wagen nun so genau wie der Hersteller. Weil bis zu acht Wagen gleichzeitig in Arbeit waren, konnten – höchst rationell wie bei einer Großserie – die Baugruppen unabhängig vom jeweiligen Wagen im Voraus aufgearbeitet werden. Sprich der eine Wagen musste nicht warten, bis seine Teile wieder einbaufertig waren, sondern bekam die Ausstattung der Wagen verpasst, die schon vor ihm in der Reihe kamen.

Bis aufs nackte Blech sind die Wagen in der Werkstatt zunächst ausgebeint worden. Neuer Lack, neuer Bodenbelag, neue Türen, neue Sitze, aufgefrischte Wandverkleidung, so hieß das Programm für den Innenraum. Technisch wurden nicht nur wie auch sonst üblich alle Verschleißteile erneuert, sondern auch die Verkabelung – rund 50 Kilometer Gesamtlänge pro Fahrzeug. Vor allem sind die elektrischen Schaltbaugruppen komplett erneuert worden, von der klassischen Elektromechanik mit den bekannten „klickenden“ Relaisschaltungen hin zur Leistungselektronik: „Die eingebauten Teile sind verschlissen, und Ersatz baut derzeit niemand mehr“, sagt Robert Tomasek von der Arbeitsvorbereitung. Auch die Fahrerplätze sind völlig neu eingerichtet worden, nach aktueller Ergonomie und neuestem technischem Standard.

Über zweihundert der gelben Doppeltriebwagen vom Typ S-DT 8, 1985 speziell für Stuttgart entwickelt, gehören heute zum Bestand. Pro Jahr legt ein Wagen durchschnittlich über 100 000 Kilometer zurück. Für die Generalsanierung wurden aber generell nicht – wie man meinen könnte – die Fahrzeuge der ältesten Bauserie ab 1985 ausgewählt (S-DT 8.4), sondern die damals etwas später gelieferten der Type von 1986 (S-DT 8.5) und jünger bis zum S-DT 8.9 von 1996. Die Erklärung: Etwas jüngere Wagen aufzufrischen statt die ältesten schafft mehr Luft bei der statistischen Lebenserwartung. Die jüngeren Wagen bildeten eine größere einheitliche Serie, und die Erfahrung aus der ältesten Serie flossen damals darin ein. Die Generalsanierung kommt also den ausgereifteren Serien zugute.
Insgesamt betraf die Generalsanierung 76 Fahrzeuge. Das letzte Exemplar dieser Großaktion, der Zug mit der damaligen Numnmer 3221, war seit Mai 2016 in Arbeit. Jetzt, am 7. August 2017, hat er unter der „neuen“ Nummer 4221 planmäßig wieder wie neu die Halle verlassen. Insgesamt etwa 20 Mitarbeiter, darunter die Mehrzahl von der SSB, haben sich dabei ständig um das Thema Generalsanierung gekümmert.

Doch nach der Sanierung ist vor der Sanierung: Der Fuhrpark wächst weiter, die Laufleistung auch. Die Wagenserie, die vor 17 Jahren fabrikneu in Dienst gestellt wurde, erreicht früher oder später auch ein Alter, das eine Sanierung ins Auge fassen lässt. Das Geschäft für die SSB-Leute in Möhringen geht auch in Zukunft nicht aus.

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